Hier zunächst die ehrlichste Antwort auf die häufigste Frage: Wir wissen nicht, wann eine Wiederbelebung möglich sein wird.
Wer dir ein Datum nennt, rät oder will dir etwas verkaufen. Diese Zurückhaltung ist angemessen. Was sich dennoch sagen lässt, erklärt dieser Artikel.

Warum sich kein Datum nennen lässt
Prognosen zur technischen Entwicklung sind oft unzuverlässig. Für die Kryonik gilt das besonders.
Für einzelne Technologien lassen sich einigermaßen verlässliche Vorhersagen treffen, solange ihre Entwicklung einem bekannten Muster folgt. Solche Vorhersagen sind jedoch kaum möglich, wenn mehrere wissenschaftliche Durchbrüche zusammenkommen müssen.
In den 1950er Jahren glaubte man, atomgetriebene Flugzeuge ließen sich allein mit den Mitteln der Ingenieurwissenschaften verwirklichen. Sie sind nie geflogen.
In den 1970er Jahren sagte man voraus, dass Maschinen innerhalb einer Generation eine dem Menschen vergleichbare Intelligenz entwickeln würden. Seither hat jede Generation diese Vorhersage wiederholt.
Bei der Wiederbelebung nach einer Kryokonservierung müssten mehrere solcher Durchbrüche zusammenkommen. Dafür wären mehrere Technologien nötig, deren Entwicklung sich zeitlich nicht absehen lässt. Das erläutert der Artikel „Wie wir Wiederbelebung erreichen könnten“.
Hängt das Ergebnis von mehreren Entwicklungen mit ungewisser Dauer ab, lässt sich auch der Zeitpunkt einer möglichen Wiederbelebung nicht verlässlich abschätzen.
Hinzu kommt ein zweites Problem. Wir können nicht messen, wie weit wir sind, weil niemand weiß, welcher Anteil der Arbeit bereits erledigt ist.
Solange der gesamte Forschungsbedarf unbekannt ist, lässt sich der bisherige Fortschritt nicht beziffern. Zeitprognosen beruhen dann eher auf einem Gefühl als auf belastbaren Daten.
Das gilt für Optimismus wie Pessimismus gleichermaßen. Ebenso wenig lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass eine Wiederbelebung niemals gelingen wird.
Was zuvor geschehen müsste
Auch wenn sich kein Zeitpunkt nennen lässt, können wir die nötigen Voraussetzungen beschreiben. Damit wird zumindest klarer, welche Probleme zu lösen wären.
Für eine Wiederbelebung wären Verfahren nötig, die im gesamten konservierten Gewebe auf molekularer Ebene wirken könnten. Darum geht es im Artikel „Die Wette auf die Nanotechnologie“.
Außerdem müsste sich der gesamte Körper wieder erwärmen lassen, ohne dass sich Eis bildet. Das ist ein zentrales, bislang ungelöstes Problem der reversiblen Kryokonservierung.
Zudem müssten wir wesentlich besser als heute verstehen, wie Erinnerungen und die Grundlagen unserer Identität im Gehirn verankert sind.
Im Mittelpunkt steht dabei das Konnektom, das Netzwerk aus etwa hundert Billionen synaptischen Verbindungen. Die Vitrifikation soll dessen Struktur erhalten.
Dieses Netzwerk zu entschlüsseln ist eine eigenständige Forschungsaufgabe. Welche Möglichkeiten sich daraus ergeben könnten, erläutert der Artikel zum Mind Uploading.
Hinzu kommen Voraussetzungen, die nicht technischer Art sind. Es müsste jemanden geben, der das Verfahren durchführen kann und will, und es müsste rechtlich zulässig sein.
Der rechtliche Status einer kryokonservierten Person ist in den meisten Rechtsordnungen ungeklärt. Näheres erläutert der Artikel „Der rechtliche Status einer Person in Kryostase“.
Auch die behördlichen Anforderungen sind ungeklärt. Darauf geht der Artikel zu regulatorischen Risiken und rechtlichen Grauzonen ein.
Was die Geschichte nahelegt und worauf stattdessen zu achten ist
Wie lange es dauert, bis bahnbrechende Technologien einsatzbereit sind, unterscheidet sich erheblich. Gerade diese Unterschiede sind hier aufschlussreich.
Vom ersten Motorflug bis zur kommerziellen Luftfahrt vergingen etwa zwei Jahrzehnte, weil dafür klar umrissene technische Probleme auf der Grundlage bekannter physikalischer Gesetze zu lösen waren.
Seit siebzig Jahren heißt es, die Nutzung der Fusionsenergie werde in dreißig Jahren möglich sein. Die Zuversicht war ähnlich groß, der tatsächliche Verlauf jedoch ein anderer.
Die naheliegendste Analogie ist vielleicht die Gentechnik. Von der Entdeckung der DNA-Struktur 1953 bis zur präzisen Genbearbeitung um 2012 vergingen etwa sechzig Jahre.
Dieser Fortschritt war kein einzelner Durchbruch. Er beruhte auf vielen kleinen Fortschritten in unterschiedlichen Teilgebieten, deren Nutzen anfangs meist nicht erkennbar war.
Die Forschung zur Wiederbelebung könnte ähnlich vorankommen, aber auch ins Stocken geraten. Historische Beispiele lassen beide Entwicklungen denkbar erscheinen. Welche man für wahrscheinlicher hält, hängt eher von der eigenen Einschätzung als von belastbaren Belegen ab.
Achte deshalb auf konkrete Forschungsfortschritte: bei molekularen Maschinen, bei der Bildgebung von Nervengewebe mit höherer Auflösung und bei der Wiedererwärmung größerer Gewebevolumina.
Relevant sind auch Fortschritte in der regenerativen Medizin, Veränderungen der Rechtslage und der gesellschaftlichen Einstellung zu einer radikalen Lebensverlängerung.
Aus keinem dieser Fortschritte lässt sich ein Zeitpunkt für die Wiederbelebung ableiten. Zusammen zeigen diese Entwicklungen, ob wir der Erfüllung der nötigen Voraussetzungen näherkommen. Über den aktuellen Stand berichten wir unter „Fortschritte im Forschungsfeld“ und in unseren Forschungs- und Entwicklungsinitiativen.
Die Möglichkeit, dass es nie geschieht
Eine ehrliche Betrachtung muss den schlimmsten Fall einschließen. Wiederbelebung könnte nie gelingen.
Der Fortschritt könnte ins Stocken geraten. Gesellschaftliche Krisen könnten die langfristige Versorgung gefährden. Die technischen Hürden könnten sich schlicht als höher erweisen, als irgendjemand erwartet.
Das ist eine nüchterne Einschätzung. Wer sich für oder gegen eine Kryokonservierung entscheidet, hat Anspruch auf klare Informationen über diese Unsicherheit.
Die niedrige Lagertemperatur begrenzt den weiteren Zerfall während der Wartezeit. Bei −196 °C laufen die chemischen Abbauprozesse praktisch nicht mehr ab.
Auch eine Lagerung über Jahrhunderte verursacht daher kaum zusätzliche Schäden. Bei ausreichend niedriger Temperatur spielt die Lagerdauer für den weiteren Zerfall kaum noch eine Rolle.
Während der Lagerung könnte allerdings die verantwortliche Organisation ausfallen. Die verantwortliche Organisation muss dauerhaft bestehen und die Lagerung finanzieren und gewährleisten können.
Deshalb behandelt dieser Codex auch die praktische Frage, wie sich dauerhaft tragfähige Organisationen aufbauen lassen und was bei ihrem Scheitern geschehen würde.
Die physische Seite dieses Versprechens ist die Langzeitlagerungseinrichtung. Sie soll die erforderlichen Bedingungen über Jahrzehnte hinweg zuverlässig aufrechterhalten.
Die Ungewissheit über den Zeitpunkt einer möglichen Wiederbelebung und das Risiko eines organisatorischen Scheiterns sind also getrennt zu betrachten. Nur das organisatorische Risiko lässt sich heute beeinflussen.
Die Entscheidung sollte sich nicht auf ein vorhergesagtes Datum stützen, denn ein glaubwürdiges gibt es nicht.
Orientiere dich bei der Entscheidung stattdessen an einer Überlegung, die unabhängig vom Zeitpunkt gilt: Solange die Information erhalten bleibt, bleiben Möglichkeiten bestehen, die mit ihrer Zerstörung unwiederbringlich verloren gingen. Diesen Gedanken erläutert der Artikel „Warum eine 1-Prozent-Chance unendlich besser ist als 0“.
Bis dahin ist unsere Aufgabe, so gut wie möglich zu konservieren, nach unseren Möglichkeiten zur Forschung beizutragen und den langfristigen Fortbestand der Organisation zu sichern.
Kurz gesagt: es gibt kein glaubwürdiges Datum für die Wiederbelebung nach einer Kryokonservierung. Bis eine Wiederbelebung möglich wäre, könnten Jahrhunderte vergehen. Vielleicht wird sie auch niemals möglich sein. Die Entscheidung sollte deshalb nicht von einem vorhergesagten Zeitpunkt abhängen.
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