Wer sich nur zehn Minuten mit Kryonik befasst, stößt auf das Kürzel SST. Hinter dem Kürzel steht eine Phase, die für die Qualität der Konservierung besonders wichtig ist. SST steht für Standby, Stabilization and Transport, in dieser Reihenfolge. Von der Arbeit des Einsatzteams hängt ab, wie gut die Konservierung gelingt oder ob sie scheitert. Nach der ärztlichen Todesfeststellung muss das Team schnell handeln. Den Startschuss gibt der rechtliche Tod.
SST ist aus einem physiologischen Grund notwendig. Bei einem Herzstillstand wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, und die Nervenzellen beginnen abzusterben. Da Erinnerungen und Persönlichkeit auf den Strukturen des Gehirns beruhen, können mit jeder Minute Verzögerung weitere Informationen unwiederbringlich verloren gehen. SST soll diese Verzögerung so gering wie möglich halten.
S steht für Standby
Beim Standby hält sich das Team bereits vor Ort bereit, bevor der Einsatz beginnt. Die meisten Menschen mit einem Kryonikvertrag sterben im Krankenhaus an einer bereits diagnostizierten, fortschreitenden Erkrankung. Zeichnet sich der Tod ab, verständigen Angehörige oder Ärzte das Team. Es reist mit einem Krankenwagen, einem Schnelleinsatzfahrzeug oder einem Linienflug an, in Ausnahmefällen auch mit einem gecharterten Ambulanzflugzeug, und bringt mobile Ausrüstung ans Patientenbett. Dann wartet es. Der Standby kann Stunden oder Tage dauern. Die Maßnahmen zur Konservierung dürfen erst beginnen, nachdem ein Arzt den Tod festgestellt hat.

Besonders schwierig ist ein plötzlicher, unerwarteter Tod: Das Team kann sich nicht vorbereiten, und ein großer Teil der verfügbaren Zeit verstreicht, bevor jemand handeln kann. Hier stößt die Kryonik an ihre Grenzen: Unter solchen Umständen lassen sich Verstorbene mitunter nur unzureichend oder gar nicht konservieren.
Das zweite S steht für Stabilization
Sobald ein Arzt den Tod festgestellt hat, beginnt die Stabilisierung. Dabei zählt jede Minute. Der Patient wird in ein Eisbad gelegt und rasch gekühlt. Ein mechanisches Herzdruckmassagegerät hält den Blutfluss und damit die Sauerstoffversorgung des Gehirns aufrecht, während schützende Medikamente verabreicht werden. Erst danach beginnt die Perfusion mit einem Kryoprotektivum: Dabei wird das Wasser im Körper durch eine Lösung ersetzt, die beim Abkühlen die Bildung von Eiskristallen verhindern soll. Nach der Perfusion wird der Patient für den Transport mit Trockeneis auf etwa −79 °C gekühlt. Bei dieser Temperatur kommen biologische Abbauprozesse praktisch zum Stillstand. Erst beim anschließenden langsamen Abkühlen in der Einrichtung geht das Gewebe in einen glasartigen Zustand über, ohne dass sich Eiskristalle bilden. Dieser Vorgang heißt Vitrifikation. Damit ist die kritischste Phase abgeschlossen.

T steht für Transport
Anschließend muss der Transport organisiert werden. Das ist aufwendiger, als es zunächst klingt. Die Einrichtung zur Langzeitlagerung von Tomorrow.bio liegt bei Rafz in der Schweiz. Da Menschen mit einem Kryonikvertrag überall in Europa sterben können, muss bei der Überführung über Landesgrenzen hinweg auf die Einhaltung der geltenden Vorschriften geachtet werden. Deshalb ist der Krankenwagen des Bereitschaftsteams als Bestattungsfahrzeug zugelassen. Wo das Fahrzeug nicht eingesetzt werden kann, übernehmen kooperierende Bestattungsunternehmen den Transport. In der Einrichtung wird der Patient im Laufe von etwa einer Woche weiter auf −196 °C abgekühlt. Bei etwa −130 °C erreicht die Kryoprotektivumlösung die Glasübergangstemperatur: Das Gewebe erstarrt in einem glasartigen Zustand, ohne dass sich Eiskristalle bilden. Anschließend wird der Patient in einem vakuumisolierten Behälter, einem sogenannten Dewargefäß, langfristig gelagert.

Warum nicht einfach darauf verzichten und den Körper direkt transportieren?
Die Antwort erklärt, warum SST für die Kryokonservierung so wichtig ist. Es wäre deutlich günstiger, einen Verstorbenen ohne vorherige Bereitschaft und Stabilisierung erst Tage nach dem Tod zur Langzeitlagerung zu bringen: Dafür wären keine geschulten Teams nötig, die rund um die Uhr mit Spezialausrüstung bereitstehen. Doch damit würde der eigentliche Zweck verfehlt, denn die Qualität der Konservierung hängt beim heutigen Stand der Technik fast vollständig davon ab, wie schnell das Verfahren beginnt. Wer auf SST verzichtet, spart Kosten, nimmt aber eine schlechtere Konservierung in Kauf.
Deshalb werden trotz der hohen Kosten mehrere Teams bereitgehalten, die jederzeit einsatzbereit sind und bei Bedarf füreinander einspringen können. Dadurch sollen Schäden an den Hirnstrukturen möglichst gering bleiben, auf denen Erinnerungen und Persönlichkeit beruhen. Bei SST geht es um konkrete Maßnahmen, die unter hohem Zeitdruck durchgeführt werden müssen.
Kurz gesagt: SST steht für Standby, Stabilization and Transport. SST soll Schäden nach der ärztlichen Todesfeststellung begrenzen: Kühlung und Kreislaufunterstützung beginnen sofort, anschließend folgen aufeinander abgestimmte Maßnahmen zur Kryoprotektion und zum Transport.
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