Wenn Menschen hören, dass Tomorrow.bio erst 2020 gegründet wurde, reagieren manche zunächst überrascht.
Für eine Organisation, der Menschen eine möglicherweise jahrhundertelange Aufgabe anvertrauen sollen, ist das ein sehr kurzer Zeitraum.
Diese Reaktion ist verständlich. In den meisten Branchen gilt ein Unternehmen nach sechs Jahren noch als jung. Bei der Kryokonservierung ist jedoch nicht entscheidend, wie lange eine Organisation bereits besteht.
Die entscheidende Frage lautet: Was wurde in dieser Zeit aufgebaut?
Tomorrow.bio startete nicht mit einer Website, auf der eine erst künftig verfügbare Dienstleistung angeboten wurde. Wir bauten zunächst das medizinische Fachwissen, die rechtlichen Strukturen und die technische Infrastruktur auf, die für die Kryokonservierung in Europa nötig sind.
Anschließend mussten wir zeigen, dass das Zusammenspiel all dieser Bereiche auch bei tatsächlichen Einsätzen funktioniert.
Davon handelt dieser Rückblick.
Die Stiftung kam zuerst
Die Geschichte beginnt noch vor Tomorrow.bio selbst.
Am 27. Mai 2019 gründeten sechs Personen die European Biostasis Foundation in der Schweiz. Sie entschieden sich für eine gemeinnützige Stiftung, weil Forschung und Patientenversorgung eine wesentlich längerfristige Planung erfordern, als sie bei Unternehmen üblich ist.
Die Tomorrow Biostasis GmbH folgte im Januar 2020 in Berlin. Die Gründer Emil Kendziorra und Fernando Azevedo Pinheiro brachten gemeinsam Erfahrung in Medizin, Technik, Betriebsführung und Unternehmensgründung mit.
Wir hatten ein einfaches Problem zu lösen.
Kryokonservierung gab es bereits, doch in Europa fehlte ein moderner Anbieter, der schnell vor Ort sein, die medizinischen Verfahren professionell durchführen und eine Langzeitlagerung in der Nähe anbieten konnte.
Ehrlich gesagt wäre es einfacher gewesen, erst einige Jahre über die Idee zu sprechen.
Wir taten das Gegenteil.
Die ersten Mitglieder kamen im März 2020 dazu. Im Juni lief bereits unser erstes Perfusionssystem. Im November nahm unser erster eigener Biostase-Rettungswagen den Dienst auf.
Diese Schritte folgten so rasch aufeinander, weil wir keine Mitglieder für eine Dienstleistung gewinnen wollten, die bislang nur in einer Präsentation beschrieben war.
Wir wollten von Anfang an über die nötige Ausrüstung und festgelegte Abläufe verfügen und einsatzbereit sein.
Das frühe Team war klein. Alle übernahmen mehrere Aufgaben, denn für den Aufbau einer Kryokonservierungsorganisation in Europa gab es keine vorgegebenen Stellenprofile.
Wir mussten gleichzeitig medizinische Verfahren entwickeln, Fahrzeuge ausbauen sowie die Mitgliederbetreuung, die Logistik und die Öffentlichkeitsarbeit aufbauen.
Diese praxisorientierte Arbeitsweise prägt uns bis heute. Kryokonservierung verbessert sich nicht durch Markenbildung. Sie verbessert sich, wenn Menschen trainieren, Ausrüstung testen, Daten prüfen und Fehler korrigieren.
Ein Ort für die langfristige Aufbewahrung der Patienten
Ein Rettungswagen kann einen Patienten erreichen. Für die Versorgung über die nächsten hundert Jahre braucht es jedoch mehr als einen Rettungswagen.
Dafür brauchten wir eine zweite Organisation mit anderen Aufgaben und eine ganz andere Infrastruktur.
Im Februar 2021 erwarb die EBF das Grundstück für ihre Anlage im schweizerischen Rafz. Der Bau dauerte etwa eineinhalb Jahre, im März 2022 wurde das Gebäude übergeben.
Das war kein gemietetes Lagerhaus mit einem Kryotank darin.
Die EBF besitzt sowohl das Grundstück als auch das Gebäude. Die Anlage bietet Räume für medizinische Verfahren, Bildgebung und Laborarbeiten sowie Lager- und Betriebsräume; der Lagerbereich liegt geschützt im unterirdischen Gebäudeteil.
Der erste Kryotank traf im Juni 2022 ein. Seit diesem Jahr ist die Anlage in Betrieb.
Seither hat die EBF die Kapazität erweitert, eine automatische Stickstoffbefüllung eingerichtet, die Handhabungssysteme verbessert und Verfahren für kryogene Bildgebung und Qualitätskontrolle entwickelt.
Technische Einzelheiten findest du im Beitrag zur Langzeitlagerstätte. Für die Entwicklung der Organisation war vor allem eines entscheidend.
Ab 2022 stand für die Mitglieder von Tomorrow.bio fest, wo die langfristige Aufbewahrung erfolgen sollte. Die Anlage in der Schweiz war bereits in Betrieb.
Wir haben nicht zuerst ein Unternehmen gegründet und die Organisation der Langzeitversorgung auf später verschoben. Die Langzeitversorgung war von Anfang an Teil der Struktur.
Die organisatorische Struktur entwickelte sich weiter.
Im April 2024 wurde die Patient Care Foundation in der Schweiz gegründet. Sie trägt die rechtliche Verantwortung für die aufbewahrten Körper der Patienten und verwaltet das für deren Versorgung vorgesehene Kapital, während die EBF die Anlage besitzt und betreibt.
Tomorrow.bio bleibt das operative Unternehmen. Es betreut die Mitglieder, hält die Einsatzbereitschaft aufrecht und führt die Kryokonservierung durch.
Drei Organisationen mögen komplizierter wirken als eine. Sie sind es.
Doch diese Komplexität hat einen Zweck. Das Unternehmen, das schnell handeln und die Risiken des laufenden Betriebs tragen muss, verwaltet weder das für die langfristige Patientenversorgung vorgesehene Kapital noch trägt es die rechtliche Verantwortung für die dauerhaft aufbewahrten Körper.
Wie diese Zuständigkeiten verteilt sind, erläutert der Beitrag zur Organisationsstruktur von Tomorrow.bio.
Was sich durch die ersten Kryokonservierungen änderte
Bis 2023 hatte Tomorrow.bio Mitglieder, geschulte Teams, Rettungswagen, Ausrüstung und eine fertige Anlage.
Eine Kryokonservierung an einem Menschen hatte es noch nicht durchgeführt.
Im März 2023 führten wir erstmals eine Kryokonservierung an einem Menschen durch. Im August folgte die erste Kryokonservierung eines Tieres. Im Oktober kam ein zweiter Rettungswagen zum Einsatz.
Im April 2024 führten wir erstmals eine Kryokonservierung durch, bei der ausschließlich das Gehirn konserviert wurde. Bis Juni stieg die Mitgliederzahl auf 600. Im Juli nahm Tomorrow.bio den Betrieb in den zusammenhängenden US-Bundesstaaten auf.
Die tatsächlichen Einsätze veränderten die Organisation auf eine Weise, die durch keine Simulation möglich gewesen wäre.
Ein Übungsszenario beginnt pünktlich. Ein echter Notfall nicht.
Die Abläufe in Krankenhäusern, die Bedürfnisse der Familien, die Arbeit von Bestattungsunternehmen und Behörden sowie Flugpläne und Wetterbedingungen lassen sich in keinem Einsatzplan vollständig berücksichtigen. Das Team muss die vorgesehenen Abläufe an die jeweilige Situation anpassen, ohne die Qualität der Kryokonservierung zu beeinträchtigen.
Deshalb veröffentlichen wir Fallberichte zur Kryokonservierung. Darin legen wir auch offen, was bei den einzelnen Einsätzen nicht reibungslos verlief. Sie dokumentieren den Ablauf der Einsätze, die erfassten Messwerte und aufgetretene Komplikationen.
Die Sammlung enthält inzwischen auch Berichte über Kryokonservierungen aus dem Jahr 2025 und beschränkt sich nicht mehr auf die ersten Fälle aus den Jahren 2023 und 2024.
Außerdem begannen wir, nach jeder Kryokonservierung eines Menschen die Qualität anhand einer CT-Untersuchung zu überprüfen, um die Ergebnisse vergleichen und das Verfahren gezielt verbessern zu können.
Wie die Qualitätssicherung insgesamt funktioniert, erläutert der Beitrag zur Qualitätskontrolle bei der Biostase. An dieser Entwicklung lässt sich erkennen, wie Tomorrow.bio aus den bisherigen Einsätzen lernt.
Die Erfahrungen aus jedem Fall sollen helfen, die nächste Kryokonservierung zu verbessern.
Wachstum muss die Versorgung verbessern
Ende 2022 hatte Tomorrow.bio 250 Mitglieder. Im Juni 2024 waren es 600; bis 2026 stieg die Zahl auf über 1.000.
Zum 8. Juli 2026 meldete Tomorrow.bio mehr als 1.010 Mitglieder in über 200 Städten und 45 Ländern.
Diese Zahlen machen uns stolz. Sie sind für uns aber kein Selbstzweck.
Mit steigenden Mitgliederzahlen können wir zusätzliche Teams, Rettungswagen, Schulungen, Ausrüstung, Forschung und ein dichteres Einsatznetz finanzieren. Mit zunehmender Einsatzerfahrung gewinnen wir auch mehr Daten, die uns helfen, die Qualität der Konservierung zu verbessern.
Deshalb ist uns Größe wichtig.
Unsere Mitgliederinterviews machten noch etwas anderes deutlich. Vielen Menschen fehlte bislang ein europäischer Anbieter, dem sie vertrauen konnten.
Manche kannten die Kryonik schon seit Jahren. Sie entschieden sich erst für eine Mitgliedschaft, als sie eine bestehende Anlage besichtigen, ein Team bei der Arbeit erleben, veröffentlichte Fallberichte lesen oder im persönlichen Gespräch klare Antworten erhalten konnten.
Das ist kein technischer Meilenstein, gehört aber zur Geschichte.
Vertrauen entstand durch Dinge, die Menschen prüfen konnten, und durch Menschen, mit denen sie sprechen konnten. Das Versprechen, den Tod überwunden zu haben, hätte dieses Vertrauen nicht geschaffen.
Wir haben den Tod nicht überwunden.
Bisher wurde noch kein kryokonservierter Mensch wiederbelebt, und niemand kann seriös angeben, wie wahrscheinlich dies ist oder wann es möglich werden könnte.
Gerade wegen dieser Ungewissheit kommt es darauf an, wie sorgfältig die Kryokonservierung heute durchgeführt wird. Wenn die für eine spätere Wiederherstellung nötigen Informationen heute nicht ausreichend erhalten bleiben, kann auch der künftige medizinische Fortschritt nicht helfen.
Tomorrow.bio wurde gegründet, um die Qualität der Kryokonservierung als ersten, entscheidenden Schritt zu verbessern.
Seit 2020 haben wir unseren Betrieb ausgehend von einem Perfusionssystem und einem Rettungswagen auf Europa und die zusammenhängenden US-Bundesstaaten ausgeweitet; dazu gehören heute eine eigens errichtete Anlage in der Schweiz und zwei Stiftungen für Forschung und Patientenversorgung.
Bis wir unser langfristiges Ziel erreichen, liegt noch viel Arbeit vor uns. Unser Betrieb ist dagegen bereits etabliert.
Genau darum geht es in dieser Geschichte.
Tomorrow.bio zeigt inzwischen in der Praxis, wie eine europäische Kryokonservierungsorganisation arbeiten kann. Die Organisation hat im laufenden Betrieb mit jedem Fall dazugelernt und entwickelt ihre Verfahren weiter.
Kurz gesagt: Tomorrow.bio wurde 2020 gegründet und baute den medizinischen Betrieb, das europäische Einsatznetz und die Infrastruktur für die Langzeitlagerung in der Schweiz auf, bevor 2023 die erste Kryokonservierung eines Menschen abgeschlossen wurde. Heute ist die Organisation in Europa und in den zusammenhängenden US-Bundesstaaten tätig, hat über 1.000 Mitglieder und veröffentlicht fortlaufend weitere Fallberichte.
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