Nach der Operation und dem grenzüberschreitenden Transport kommt ein Kryonik-Patient am unscheinbarsten Teil des ganzen Unterfangens an: einem Gebäude, das von außen wie ein Lagerhaus mit einem ungewöhnlichen Belüftungssystem aussieht. Genau diese Unauffälligkeit ist der springende Punkt. Die Lagerphase muss nicht nur einen Behandlungszyklus, sondern Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte dauern, und die Herausforderung liegt nicht mehr in der Biologie. Es geht um das institutionelle und geologische Überleben. Tomorrow.bio seine Patienten bei der European Biostasis Foundation (EBF), einer gemeinnützigen Organisation, in einer unterirdischen Anlage in Rafz, Schweiz.
Zwei Fragen sollte man sich hier ernsthaft stellen: Warum gerade dieses Land, und was eine solche Anlage eigentlich leisten soll? Bei beiden Antworten geht es um Stabilität über sehr lange Zeiträume hinweg – ein technisches Ziel, das sich von allem unterscheidet, was zuvor in diesem Verfahren eine Rolle gespielt hat.
Die Schweiz ist eine Wette auf langweilige Stabilität
Die Entscheidung für die Schweiz ist keine Gefühlssache; es geht um Risikominimierung entlang mehrerer unabhängiger Achsen, die alle über einen langen Zeitraum hinweg Bestand haben müssen.
Sicherheit und Stabilität. Die Schweiz gehört zu den stabilsten Ländern Europas – politisch, finanziell und gesellschaftlich. Für eine Anlage, die noch lange weiterlaufen muss, nachdem alle, die sie gebaut haben, längst nicht mehr da sind, ist geringe Volatilität mehr wert als jede Ausstattung, die man dem Gebäude hinzufügen könnte.
Integrität des Auftrags. Da die Organisation als gemeinnütziger Verein nach Schweizer Recht tätig ist, ist es sehr schwer – in der Praxis fast unmöglich –, ihren Auftrag still und leise neu auszurichten. Diese rechtliche Starrheit ist ein Merkmal, keine Einschränkung: Sie verhindert, dass ein zukünftiger Vorstand beschließt, dass die Aufbewahrung von Patienten nicht mehr im Mittelpunkt steht. Die Frage, was passiert, wenn der Anbieter scheitert, erhält eine echte strukturelle Antwort, gerade weil die Aufbewahrung Teil eines gemeinnützigen Vereins ist, der so aufgebaut ist, dass er seine Gründer überdauert.
Umweltsicherheit. Geografisch gesehen ist das Risiko von Naturkatastrophen in der Schweiz minimal, was für etwas, das man ein Jahrhundert lang ungestört lassen will, von enormer Bedeutung ist. Weniger Erdbeben, Überschwemmungen und Stürme bedeuten weniger Möglichkeiten für die Außenwelt, dort einzugreifen.
Wozu die Einrichtung eigentlich dient
Wie der Name schon sagt, besteht die Aufgabe darin, kryokonservierte Patienten auf unbestimmte Zeit zu lagern. In der Praxis bedeutet das, dass menschliche Körper – oder im Fall von Neuropatienten nur das Gehirn – in speziellen Kryo-Dewars aufbewahrt werden. Die Patienten werden entweder vollständig in flüssigem Stickstoff bei -196 °C untergetaucht oder mithilfe von Zwischentemperatur-Lagersystemen in der Dampfphase bei etwa -140 °C aufbewahrt, wobei in beiden Fällen dasselbe Ziel verfolgt wird: die Zellstruktur so lange stabil zu halten, bis – und falls – eine zukünftige Wiederbelebung möglich wird.
Ein Patient erreicht diesen Punkt erst, nachdem die vorherigen Phasen ihre Wirkung entfaltet haben. Nach dem rechtlichen Tod und der Stabilisierung wird der Körper in der chirurgischen Phase gekühlt und mit Kryoprotektiva durchspült; erst wenn die Temperatur niedrig genug ist und die Durchspülung abgeschlossen ist, wird der Patient zur Langzeitlagerung transportiert. Diese Einrichtungen werden bewusst in Regionen errichtet, in denen kaum oder gar kein Risiko für Naturkatastrophen besteht und in denen die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Kryokonservierung von Menschen günstig sind, denn die langfristige Sicherheit ist das gesamte Wertversprechen. Die Patienten Tomorrow.bio ruhen in der EBF-Einrichtung in Rafz.
.png)
.png)
.png)

Das stille Genie braucht fast nichts
Was eine Lagereinrichtung so besonders macht, ist nicht ihr Aussehen, sondern ihre Unabhängigkeit von Dingen, die ausfallen können. Die Dewar-Gefäße halten die „Patienten“ bei -196 °C – und das nur mit Hilfe einer siedenden Flüssigkeit und guter Isolierung, ganz ohne Kompressor und ohne Abhängigkeit vom Stromnetz. Ein mechanischer Gefrierschrank fällt aus, sobald der Strom ausfällt; ein Dewar-Gefäß mit flüssigem Stickstoff muss lediglich nachgefüllt werden, wenn der Stickstoff langsam verdampft. Die eigentliche Arbeit der Anlage besteht aus Überwachung, Nachfüllen, Sicherheit und Kontinuität – also der wenig glamourösen Wartung eines Systems, das so konzipiert ist, dass die Gesetze der Thermodynamik und nicht eine Maschine, die jemand am Laufen halten muss, für die Konservierung sorgen. Die spezifische Technik dieser Behälter wird in dem Artikel „Klassische Kryo-Lagerbehälter“ behandelt, ebenso wie die Argumente für den EBF-Standort in der Schweizer Anlage, die die Skeptiker überzeugt haben.
Das größte Problem bei der Langzeitlagerung ist nicht, die Temperatur niedrig zu halten, sondern hundert Jahre lang langweilig, finanziell abgesichert und unversehrt zu bleiben – und genau deshalb ist die Lösung eine gemeinnützige Organisation nach Schweizer Recht und keine clevere Maschine.
